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Und sonst so? Die aktuellen Entwicklungen rund ums Niedersachsenderby im Überblick

Kein Tag vergeht ohne neue Meldungen rund um das anstehende Niedersachsenderby. Die organisierte Fanszene will die Zwangsanreise geschlossen verweigern und ruft stattdessen zu einer Demonstration in Braunschweig am selben Tag auf. Diese allerdings wurde derart eingeschränkt, dass man eher von einem Verbot sprechen muss. 

Weitere Verbote per Post

Seit Anfang der Woche trudeln die ersten Busvoucher bei den glücklichen Gewinnern ein. Neben dem besagten Pappkärtchen und einigen organisatorischen Hinweisen zur Verteilung auf die Busse sowie den Abfahrtszeiten, enthält der Brief weitere Auflagen bezüglich der Anreise zum Niedersachsenderby am kommenden Sonntag: Es herrscht nicht nur im Stadion, sondern auch bei der An- und Abreise striktes Alkoholverbot, Taschen und Rucksäcke dürfen nicht mitgeführt werden [sic!], außerdem sind Glasflaschen und -behälter verboten. Viele Fans lehnen die Zwangsmaßnahmen rund um die Anreise zum Spiel spätestens jetzt entschieden ab. Sie wollen die Fahrt boykottieren. Einer übermittelte dem Verein sogar via Facebook-Videobotschaft seinen Unmut.

96 vor Gericht

Aber die Geschichte ist noch nicht zuende und es wird immer absurder. Bereits in der vergangenen Woche hatte ein Familienvater vor dem Amtsgericht Klage gegen die Auflagen bzgl. der Anreise zum Fußballspiel in Braunschweig eingereicht. Im Verlauf des Prozesses ließ die Richterin durchblicken, dass der Kläger im Recht sei. Am Ende wurde das Verfahren zunächst außergerichtlich beigelegt. 96 stellte dem Vater drei Ehrenkarten für sich und seine Söhne bereit. Dieser lehnte zwar ab, das Gericht sah jedoch die Forderung erfüllt – dem Kläger wurde eine alternative Anreise ermöglicht, das Verfahren wurde eingestellt. Das von vielen erhoffte Grundsatzurteil wurde nicht gefällt.

Weitere Klagen werden in diesen Tagen verhandelt. Gestern klagte bspw. ein weiterer Auswärtsdauerkarteninhaber (AWDK) gegen die Anreisebestimmungen, welche gegen die AGB von 96 verstoßen. Auch diesmal deutete der vorsitzende Richter an, der Kläger sei im Recht, wie der Anwalt und (in diesem Fall) Prozessbeobachter, Dr. Andreas Hüttl, via Twitter mitteilte. Die Entscheidung wurde auf Freitag vertagt.

Richter: “Es ist ein vertraglicher Anspruch” Beklagtenvertreter:” Die AGB sind unglücklich formuliert” Urteilsverkündung Freitag 11.00 Uhr

— Dr. Andreas Hüttl (@Dr_Huettl) 2. April 2014

Unter Eid behauptete der Anwalt von Hannover 96 außerdem, es existiere ein Vertrag zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig, der den Zugang zum Gästebereich AUSSCHLIEßLICH in Verbindung mit einer organisierten Busreise erlaube. [EDIT: lt. Dr. Hüttl stimmt so nicht ganz, was ich da geschrieben hatte:]

Spoiler Inside SelectShow
Vorgelegt werden konnte dieser mysteriöse Vertrag zwischen den beiden Vereinen dem Gericht in jedem Fall nicht…

Sponsorentickets ohne Reisezwang

Bereits seit Tagen gibt es Gerüchte, das einzelne Fans von Hannover 96 Karten für den Gästebereich aus Sponsorenquellen gekauft haben. Diese Personen haben nun ihre regulären Karten erhalten – keinen Busvoucher, wie “die glücklichen Gewinner” der offiziellen Lotterie. Einen Zwang zur organisierten Busreise gibt es in diesen Fällen nicht! Die Fanhilfe hat dafür Belege gesammelt und ein Schreiben mit der Aufforderung zu einer Stellungnahme an Hannover 96 übersandt.

Und sonst so? Was außerdem rund ums Derby passiert

Auch abseits der Kartendebatte werden die Beteiligten nicht müde, das Niedersachsenderbydrama weiter anzuheizen. Während Martin Kind, genervt von den Ereignissen, öffentlich verkündet die AWDK zur kommenden Saison abschaffen zu wollen, durchsuchte die Polizei erneut mehrere Wohnungen von Fußballfans und stieß dabei auf brisantes Material – Kleidungsstücke, Pyrotechnik und Grafittiutensilien. Innenminister Pistorius hält es derweil mit Toyota: “Nichts ist unmöglich undenkbar”. Jeglicher vernunftgeleitete Maßstab scheint inzwischen verloren gegangen zu sein, das hat sogar die NP im Ansatz erkannt. 3.300 Polizisten sollen am Sonntag für Ordnung sorgen - im Stadion sind 23.000 Fans.

Aufruf zum Boykott

Zwar ist das letzte Urteil in Sachen AWDK noch nicht gesprochen, aber die Verzögerungstaktik von Seiten des Vereins scheint aufzugehen. Selbst wenn am Freitag ein Grundsatzurteil fallen sollte (wir erinnern uns, die erste Richterin befand den Kläger zunächst auch im Recht, stellte ein solches in Aussicht und änderte ihre Meinung dann übers Wochenende), wird der Verein vermutlich auf der Aussage beharren, keine Karten zur Verfügung zu haben, oder was auch immer. Ob sich dann im Nachhinein herausstellt, dass die Kläger im Recht waren, dass die Vertreter des Vereins gelogen haben usw. usf. ist dann irrelevant. Allenfalls ein Sieg für die Moral wäre das – eine individuelle Anreise in letzter Minute wird es kaum geben.

Demoaufruf der Fanszene

Demoaufruf der Fanszene

Die aktive hannoversche Fanszene ruft daher dazu auf, die Anreise in den bereitgestellten Bussen unter Zwang zu verweigern und stattdessen an einer Demonstration in Braunschweig teilzunehmen. Ursprünglich war die Demo von 12 – 14 Uhr geplant und sollte sich quer durch die Stadt bewegen.

Diese Pläne wurden gestern bei der Vorbesprechung mit den Sicherheitsbehörden und der Stadt Braunschweig jedoch gekippt. Die Demonstration ist nunmehr keine mobile Demonstration, sondern eine stationäre Kundgebung in der Nähe des Bahnhofs. Die Zeit wurde auf 14 – 16 Uhr geändert – Anstoß der Partie ist um 15:30 Uhr. Besonders ärgerlich: Viele werden sich unter diesen Umständen, eine Teilnahme an der Demonstration noch einmal überlegen. Dass man danach das Spiel noch im TV gucken kann, ist wegen der neuen Zeiten äußerst unwahrscheinlich.

Offiziell sollen so größere Zusammenstöße mit anreisenden, gegnerischen Fans verhindert werden. Dazu ließ sich der Ordnungsdezernent Klaus Ruppert mit folgenden Worten zitieren:

„Auch wenn der überwiegende Teil der Fans auf beiden Seiten mit Gewalt nichts am Hut hat, so müssen wir im Interesse der Sicherheit aller die Demonstration aus den genannten Gründen beschränken“

Tief blicken lässt außerdem die Aussage des Polizeivizepräsidenten Fladung, der die Beschränkung mit der Aussage begründete, es sei nicht auszuschließen, dass sich unter den Teilnehmern gewaltbereite Personen befinden. Aus diesem Grund hätte man auch einen Fanmarsch zum Stadion untersagt und die Demonstration sei schließlich nichts anderes. Diese Aussage an sich ist eigentlich schon Grund genug für eine eigene Demo… Es gibt da nämlich sehr wohl Unterschiede! Ein kurzer Blick ins Grundgesetz mag helfen, diese zu erkennen.

Dass bisher alle Demonstrationen von Fußballfans friedlich geblieben sind, auch dann, wenn verfeindete Lager gemeinsam daran teilnahmen, spielte bei der Einschätzung der Lage offensichtlich keine Rolle. Während also Demonstrationen von Neonazis, die ein offen anti-demokratisches und menschenfeindliches Weltbild zur Schau stellen,  in den meisten Fällen mit aller Gewalt durchgeprügeltsetzt werden, werden wieder einmal Demonstrationen unterbunden, die sich gegen Repression richten und sich damit für die Verteidigung  elementarer Freiheitsrechte einsetzen.

Weiterlesen zur Situation der Fanszene und den anstehenden Protesten.

Weiterlesen zu den Entwicklungen im Kartendrama am Freitag.

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