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Bei aller Kritik: Was wir aus der „PEGIDA-Studie“ trotzdem noch mitnehmen können

Kürzlich haben Forscher der TU Dresden eine Studie zu den Anhänger*innen von PEGIDA veröffentlicht. Demnach ist der durchschnittliche PEGIDA-Teilnehmer 48 Jahre alt, männlich und stammt aus Sachsen. Sie seien gut ausgebildet und Teil der (für sächsische Verhältnisse) gehobenen Mittelschicht, mit mittleren bis überdurchschnittlichen Nettoeinkommen.

So oder so ähnlich, wurde es auch breit in den Medien wiedergegeben. Klar, dass eine solche Studie bei den PEGIDA-Anhänger*innen Euphorie auslöste.

Kritik an den dargestellten Ergebnissen der Studie

Klar, dass eine Studie, die von der einen Seite so gehyped wird, auch Kritik auf sich zieht. Und die gibt es. Jede Menge berechtigte Kritik an der Studie, kommt aus verschiedenen Richtungen. So beklagen Beobachter*innen der Bewegung beispielsweise die Nähe der für die Studie Verantwortlichen zu PEGIDA:

„Wir können uns des Eindruckes nicht verwehren, dass das Institut der Politikwissenschaft in Dresden, um Prof. Dr. Hans Vorländer (den Urheber der Studie) aber auch der Politikwissenschaftler Prof. Werner J. Patzelt eine gewisse Objektivität vermissen lässt.“

Begründet wird das direkt im Anschluss:

„Letzterer ist in den letzten Wochen immer wieder in den Medien zu Pegida befragt worden und war stets bemüht, die Proteste zu relativieren und zu legitimieren. Bei der Demonstration am 5.01. war Prof. Patzelt sogar zugegen und im Gespräch mit Pegida-Organisator René Jahn zu sehen (http://goo.gl/QvaBcG) Wie so oft, natürlich nur um ‚sich ein Bild zu machen‘.“   Quelle

Fundierte Zweifel gibt es außerdem am repräsentativen Gehalt der Studie. In der eigens für die Presse erstellten Präsentation, wird ein wichtiger Aspekt unterschlagen: 65% der Befragten verweigerten die Auskunft. Dieses – nicht gerade unerhebliche – Detail, findet auch in der dazugehörigen Presseerklärung der TU Dresden nur am Rande Erwähnung.

In den großen Medien wurde das (vermutlich aus diesem Grund) zunächst auch kaum aufgegriffen. Lediglich der SPIEGEL widmet sich der Problematik ansatzweise im letzten Absatz unter folgender Zwischenüberschrift: "Die Forscher hatten die Schwierigkeit, dass 2 von 3 Befragten ihnen keine Antwort gaben".

Im Klartext: Nur 400 von 1.200 Angesprochenen waren bereit Auskunft zu geben. Auch unberücksichtigt bleibt, dass die Befragten möglicherweise gezielt ein bestimmtes Bild zu vermitteln suchen und entsprechend antworten. Diese Möglichkeit ist bei der Auswertung von Umfragen immer zu berücksichtigen.

Insbesondere, wenn die Befragten sich im Moment der Befragung in einem Umfeld bewegen, welches per se versucht, ganz bestimmte Positionen zu vermitteln. Das sollte im Umfeld einer Demonstration wohl der Fall sein. Eine ausführliche Kritik am wissenschaftlichen Gehalt der Studie findet sich hier.

In einem inzwischen veröffentlichten Dokument zur Methodik, erklären die Verantwortlichen für die Studie mögliche Verzerrungen für "statistisch weniger signifikant, als dies vielleicht angenommen werden könnte." Sie verorten die Erfolgsquote von 35% "im erfahrungsgemäß zu erwartenden Bereich der empirischen Sozialforschung, vor allem unter den besonderen Bedingungen einer Demonstrationsversammlung."

Obwohl sie einräumen, dass keine gesicherten Erkenntnisse vorliegen, meinen sie: "Gleichwohl lassen die Daten einen validen Blick auf die soziodemographische Zusammensetzung und die Motivationen der Gesamtheit der Teilnehmer zu. Auf der Grundlage dieser Daten sind begründete und belastbare Rückschlüsse über die Teilnehmer der PEGIDA-Veranstaltungen möglich, zumal die Befragten nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden."

Insgesamt muss man wohl sagen, dass die Urheber*innen der Studie sich vorwerfen lassen müssen, nicht mit der nötigen Distanz zum Gegenstand gearbeitet zu haben und zu unkritisch an die Auswertung gegangen sind.

So lässt sich dann auch die vorschnelle und unvollständige Veröffentlichung erklären - wenn man nicht gleich davon ausgehen möchte, dass die Urheber*innen (insbesondere Vorländer, aber auch seine Studierenden und Mitarbeiter*innen) gar Sympathien für die PEGIDA-Anhänger*innen hegen und daher ihre Ergebnisse absichtlich in dieser Form veröffentlicht haben. 

Fakt ist: Über die sozio-demografische Zusammensetzung der Demonstrierenden, lässt sich auf Basis der erhobenen Daten wenig  bis nichts verlässliches sagen.

Der preisgekrönte, kritische Journalist, Stefan Niggemeier, widmet der Studie und ihrer Rezeption in den Medien ebenfalls einen eigenen Beitrag. Er mutmaßt darin, dass es gerade die Radikaleren unter den Teilnehmenden sind, die eine Auskunft verweigern.

Das würde bedeuten, eine Verzerrung findet sich nicht nur bei ihrer Zusammensetzung, sondern gerade auch bei den erhobenen Beweggründen zur Teilnahme. Um das deutlich zu machen, bindet er die Auskunfts-Verweigernden in eine Grafik ein, welche in der Ursprungs-Präsentation noch ganz andere Verhältnisse vermittelt:

(c) Stefan Niggemeier [Quelle]

Ursprungsgrafik aus der Präsentation zur Studie (Folie 11):

Wenn wir nun davon ausgehen, dass die Annahme, gerade die Radikaleren verweigerten die Auskunft, berechtigt ist, dann könnte sich auch leicht ein ganz anderes Bild ergeben. Und diese Annahme ist durchaus berechtigt.

Eine Auseinandersetzung mit den vor Ort gehaltenen Reden, ein Blick auf Interviews mit PEGIDA-Teilnehmer*innen und die schier endlosen Diskussionen in den sozialen Medien oder in den Kommentarspalten verschiedenster Medien, lassen diesen Schluss durchaus zu.

Eine entsprechende Anpassung der erhobenen Daten jedoch, wäre reine Spekulation - weshalb ich darauf verzichte, das hier weiter auszuführen. 

Was wir dennoch mit den Daten anfangen können

Es ist davon auszugehen, dass die Studie, trotz aller Kritik, zumindest in Teilen repräsentativ ist. Nämlich dann, wenn es darum geht, was in den Köpfen der Befragten vorgeht und was diese dazu antreibt, an den Demonstrationen teilzunehmen.

Auch wenn es sich dabei nur um einen kleinen Ausschnitt der Teilnehmenden handelt, welcher meinetwegen wiederum eine ganz bestimmte Bevölkerungsschicht repräsentiert. Dass diese gehobene Mittelschicht – das vermeintliche Bildungsbürgertum - dort mitmarschiert, ist unzweifelhaft.

Ungeachtet dessen, ob die Masse der Demonstrierenden nicht durch sozial schlechter gestellte und in ihren Ansichten wesentlich radikalere Kräfte ausgemacht wird.

Wenn man sich also mit der Studie insgesamt auseinandersetzt und noch weitere, auf anderem Wege gewonnene, Erkenntnisse über die Bewegung hinzuzufügt, kommt man in etwa auf folgendes Bild: 

Ab Folie 11 der Präsentation werden die Gründe für die Teilnahme an PEGIDA beleuchtet. Vordergründig betonen die Anhänger der PEGIDA stets, es ginge ihnen lediglich um den radikalen politischen Islam. Nicht um den Islam an sich. 

Nur 23% der Befragten aber geben den Islam, Islamismus oder eine angebliche "Islamisierung" Europas als Grund an (vgl. Folie 15). Der Protest gegen religiös oder ideologisch motivierte Gewalt, treibt ganze 20 von 400 Befragten auf die Straße.

Der Rest wird getrieben von Vorurteilen gegen Migrant*innen, Unzufriedenheit mit der Politik und dem zweifelhaften Bewusstsein, gegenüber Gesellschaft und Medien im Besitz der einzigen wahren Wahrheit [TM] zu sein (vgl. Folie 11):

Als Grund für die Teilnahme an PEGIDA gaben 54% der Befragten "Unzufriedenheit mit der Politik" und 20% "Kritik an Medien und Öffentlichkeit" an.

In Summe wären das 74%. Wenn man sich nun Interviews mit Teilnehmer*innen ansieht, sich die Reden (Beispiele) auf den Demonstrationen anhört oder aber Argumentationslinien der Befürworter*innen von PEGIDA (bspw. in Onlinemedien) sieht, kann man darauf schließen, worin diese Unzufriedenheit sich begründet, wie diese Kritik zustande kommt und ablesen, wie sie sich nach außen darstellt: 

Im Kern geht es darum, dass die deutsche Politik zu wenig gegen die "Bedrohung durch die Islamisten" tue. Sie handelt nicht konsequent genug für die Belange des deutschen Volkes und fahre gegenüber Migrant*innen einen "Kuschelkurs".

Die Essenz dieser Politik scheint die "Überfremdung" und die verhasste "Multikulti-Gesellschaft". Wobei die größte Bedrohung von Islamisten ausgehe, die planen würden Europa zu versklaven und unter die Sharia zu zwingen.

Ungeachtet dessen, dass es für eine solche Entwicklung nicht die geringsten realen Anhaltspunkte gibt.

Das zeigt: Die Motivation der PEGIDA-Teilnehmer*innen auf die Straße zu gehen, entwächst zunächst diffusen, irrationalen und künstlich geschürten Ängsten vor einer angeblich drohenden Überfremdung der eigenen abendländischen/deutschen Kultur.

Außerdem einem vermeintlichen Bewusstsein über herrschende Ungerechtigkeit, weil andere Kulturen oder auch – ganz konkret - Zugewanderte hier gegenüber den angestammten Deutschen bevorteilt würden. 

Weil diese Ängste und Beobachtungen aber keinen realen Gegenstand haben, wird diese Haltung von Öffentlichkeit und Medien zu Recht massiv kritisiert.

Das wiederum führt zu der Kritik an den Medien, die – offensichtlich - zentral gesteuerte Organe einer "linksversifften Polit-Mafia" sein müssen. Wenn nicht gar einer transatlantischen (zionistischen) (Welt)Verschwörung.

Da man ja selbst "das (deutsche) Volk" [TM] und somit dessen Willen repräsentiert, müssten sich eigentlich alle anderen Bevölkerungsteile anschließen, sofern sie nicht blind für die "tatsächliche" Sachlage wären. Die Gegendemonstrationen werden aus Steuergeldern finanziert. Oder aber gleich vom Mossad.

PEGIDA ist also das Opfer einer groß angelegten Diffamierungskampagne einiger Verschwörer aus Politik und Co., die die wahren gesellschaftlichen Entwicklungen vertuschen wollen. Aus welcher Motivation heraus auch immer sie das tun sollten.

Politiker*innen und Gegner*innen der Bewegung werden so zu "Volksverrätern", die den grundlegenden Interessen der deutschen und europäischen Stammbevölkerung entgegenstehen.

Weil diese Standpunkte von den Leitmedien aber nicht aufgegriffen werden, sind sie die "Lügenpresse", die die wahren Sachverhalte und Stimmungslagen in der Bevölkerung ignoriert. Allenfalls, wenn sich einzelne Aspekte der Berichterstattung in das eigene Weltbild integrieren lassen, lässt man diese (und eben nur genau diese) gelten.

Wie zum Beispiel die hier zu Grunde liegende Studie. Jegliche Gegenargumentation, ergänzende Sachverhalte etc. werden ausgeblendet. Ansonsten holt man sich sein "Faktenwissen" i.d. Regel in propagandistischen Youtubevideos und auf Pseudo-News-Blogs vom extrem rechten Rand.

Durch sachliche Argumente und belegbare Fakten, lässt sich das Weltbild der Demonstrierenden und deren Anhänger*innen nicht erschüttern. Gut ausgebildet zu sein und anständig zu verdienen, schützt also offenbar keineswegs davor, verwirrt zu sein und zu kruden Ansichten zu gelangen.

Viele Menschen im Umfeld der PEGIDA vertreten einen völkischen Nationalismus. Andere zumindest einen demokratischen, haben aber trotzdem ein extrem rassistisches Gesellschaftsbild.

Hinzu kommt die paranoide - fast schon wahnhafte - Vorstellung, sie seien die Opfer einer groß angelegten Verschwörungskampagne und sie allein (!) seien in der Lage, die aktuellen Entwicklungen zu erkennen. Dabei wähnen sie die Masse der Bevölkerung hinter sich. 

Wenn man nun davon ausgeht, dass die Befragten ihre Ansichten "geschönt" haben könnten und gleichzeitig nur die Gemäßigteren überhaupt zu Wort gekommen sind… Au Backe!

Herzlichen Glückwunsch. Die in dieser Studie konstruierte Bildungselite, setzt sich also zusammen aus vorurteilsbelasteten, deutsch-nationalen, paranoiden Irren mit mindestens wahnhaften Zügen. Prost Mahlzeit.

 

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