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Kein Bock (mehr) aufs Derby!

Die organisierte hannoversche Fanszene will die Zwangsanreise geschlossen verweigern und ruft stattdessen zu einer Demonstration in Braunschweig am selben Tag auf. Protest ist notwendig, es stellt sich jedoch die Frage nach den geeigneten Mitteln. Die Szene befindet sich beinahe in einer No-Win Situation ohne sichtbaren Ausweg – ein Überblick über die Fronten und ein Appell…

Warum überhaupt protestieren?

Es gibt viele Gründe, gegen die Methoden rund um das Spiel zu protestieren und zum Großteil haben diese wenig mit Fußball, dafür um so mehr mit willkürlichen Auslegungen bis hin zur Beugung von geltendem Recht und Gesetz zu tun. Das Losverfahren war ein noch akzeptabler Schritt, letztendlich aber unnötig. Man hätte die Karten genauso gut, wie sonst üblich, im freien Verkauf vergeben können und wenn sie weg sind, sind sie weg. Die angebliche Auslosung fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das legt die Vermutung nahe, das die vorherige Anmeldung eigentlich der vorherigen Feststellung der Teilnehmer und damit der Selektion diente. Nach welchen Maßstäben die “glücklichen Gewinner” ausgewählt wurden bleibt unklar.

Blickt man über die Berichterstattung der lokalen Medienorgane hinaus, wird schnell klar, dass die Polizeiführung den Einsatz beim Hinspiel als Erfolg wertete und sich entsprechend zitieren ließ. [Beispiel 1, Beispiel 2, Beispiel 3] Die beiden Fanlager konnten demnach vollständig getrennt werden, größere Auseinandersetzungen wurden verhindert. Die Festnahmen, Verletzten etc. blieben in einem Rahmen, der auch zu anderen Anlässen nicht ungewöhnlich ist.

Das durchgehende Abbrennen von Pyrotechnik im Stadion stellte einen Verstoß gegen die Stadionordnung und rechtlich eine Ordnungswidrigkeit dar. Dieses zu unterbinden ist Aufgabe der Sicherheitskräfte vor Ort – nicht aber der Polizei, die lediglich für die allgemeine Sicherheit drumherum verantwortlich ist. Das Abbrennen von Bengalischen Fackeln stellt weder einen Angriff, noch den Versuch eines solchen auf die körperliche Unversehrtheit anderer Menschen dar. Warum dies ständig mit Randale und Gewalt gleichgesetzt wird, ist unverständich.

Diese Tatsachen werfen Fragen hinsichtlich der Verhältnismäßigkeit auf. Ein Konzept um größere Ausschreitungen zu verhindern existiert offensichtlich. Warum hier auf einmal die Notwendigkeit besteht, die teilnahmeberechtigten Fans zunächst zu selektieren und dann kollektiven Zwangsmaßnahmen, wie einer organisierten Busreise zu unterwerfen, wird daraus nicht ersichtlich. Eine strikte Trennung der beiden Lager wie im Hinspiel sowie verschärfte Einlasskontrollen, um ein Dauerbrennen von Pyrotechnik im Stadion zu verhindern, wären ebenfalls geeignete Mittel zur Problembewältigung gewesen. Dass beim letzten Revierderby zwischen Schalke 04 und Borussia Dortmund bei der dreifachen Anzahl an Fans 300 Polizisten weniger im Einsatz waren und es trotzdem ohne Zwischenfälle ablief, mag ein weiterer Hinweis dafür sein, dass ein vernünftiges Einsatzkonzept ausgereicht hätte, um Ausschreitungen effektiv zu verhindern.

In diesem Zusammenhang werden im Grundgesetz verbriefte Rechte außer Kraft gesetzt. Die vorliegenden Begründungen sind offensichtlich mangelhaft. Die allgemeine Reisefreiheit fällt unter Artikel 11 Grundgesetz, der sich mit der Freizügigkeit innerhalb der BRD befasst. Außerdem ist das Recht sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen in Artikel 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbrieft. Um diese Rechte einzuschränken oder vollständig außer Kraft zu setzen, bedarf es schwerwiegender Gründe, die mit Blick auf den erfolgreichen Einsatz beim Hinspiel kaum vorliegen dürften.

Artikel 11 GG

(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet. 

(2) Dieses Recht darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes und nur für die Fälle eingeschränkt werden, in denen eine ausreichende Lebensgrundlage nicht vorhanden ist und der Allgemeinheit daraus besondere Lasten entstehen würden oder in denen es zur Abwehr einer drohenden Gefahr für den Bestand oder die freiheitliche demokratische Grundordnung des Bundes oder eines Landes, zur Bekämpfung von Seuchengefahr, Naturkatastrophen oder besonders schweren Unglücksfällen, zum Schutze der Jugend vor Verwahrlosung oder um strafbaren Handlungen vorzubeugen, erforderlich ist.

Quelle: dejure.org

Hier werden Menschen ohne jeglichen seriösen Maßstab unter Generalverdacht gestellt und präventiv, sowie kollektiv bestraft, obwohl es (insbesondere nach dem erfolgten Losverfahren) keine ausreichenden Anhaltspunkte dafür gibt, dass von diesen Menschen eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ausgeht. Durch die allgemeine Berichterstattung, welche “bürgerkriegsähnliche Zustände” geradezu herbei fantasiert, gibt es eine breite Akzeptanz und kaum Kritik innerhalb der Bevölkerung.

In Sicherheitsfragen müssen rechtstaatliche Argumente allzu oft pseudo-moralischen Blickweisen weichen. Eine Situation, die sich durchaus mit der Debatte um die Vorratsdatenspeicherung vergleichen lässt. Lieblingsargument: “Ich hab ja nichts zu verbergen”. Wenn solche Methoden Schule machen, ist abzusehen, wie es in Zukunft um die Demonstrationsfreiheit bestellt sein könnte. Kritische Demonstranten können in Zukunft mit Auflagen rechnen, die jeglichen Protest faktisch im Vorfeld unterbinden. Die Sicht des Polizeivizepräsidenten aus Braunschweig ist nur ein erster Hinweis darauf. Das macht das Ganze zu einem politisch relevanten Problem, dass nicht nur Fußballfans, sondern jeden Menschen in diesem Land etwas angeht.

Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht!

~ Berthold Brecht

Appell: Protest ja – Boykott nein!

Hinweis:

Aufgrund der verschiedenen Reaktionen sehe ich mich gezwungen nochmal deutlich auf folgendes hinzuweisen:

Ich rufe hier nicht dazu auf, nicht an der Demo teilzunehmen. Ich rufe zu gar nichts auf! Das hier ist ein Appell an alle Beteiligten, die Situation und ihre geplanten Schritte noch einmal zu überdenken! Meine Beweggründe werden darüberhinaus ausführlich erläutert. Bevor mich also Leute anschreiben oder ähnliches und mich zum “Streikbrecher” hochstilisieren, mögen sie doch bitte zunächst mal den gesamten Text lesen, kurz darüber nachdenken und DANN ihre wie auch immer geartete Kritik äußern! Danke!

Bei dem Spiel handelt es sich um keine gewöhnliche Partie. Für viele Fans auf beiden Seiten ist es nicht nur DAS Spiel des Jahres, sondern vielleicht das wichtigste Spiel ihrer ganzen Laufbahn als Fußballfan. Viele reisen aus anderen Städten oder sogar dem Ausland an – und trotzdem ist vielen die Vorfreude auf das Derby gründlich vergangen. Der Entschluss darauf zu verzichten, sich den Zwangsmaßnahmen zu entziehen und statt zum Spiel zu fahren, an der Demonstration teilzunehmen, dürfte gerade den Mitgliedern der aktiven Fanszene nicht leicht gefallen sein. Aber die Fans fühlen sich vom Verein hintergangen und belogen, von den Ordnungsmächten ungerecht behandelt. Sie stellen ihre Bürgerrechte über ihre Leidenschaft Fußball – gegen die Umstände zu demonstrieren ist wichtiger, als ein Fußballspiel – keine Frage.

Letztendlich aber befinden sich die Fans in einer Situation, in der sie nichts gewinnen können. Es ist unwahrscheinlich, dass sich an dem Boykott so viele beteiligen, dass der Gästeblock im Stadion sichtbar leer bleibt. Das Fehlen der Zaunfahnen etc. mag den ein oder anderen Sportreporter und Zuschauer zu einem Kommentar verleiten – eine öffentliche und differenzierte Wahrnehmung des Protests jedoch, wird kaum erreicht werden. Selbst wenn, kann der Protest schnell mit einem Hinweis auf die gewalttätigen Auseinandersetzungen im Hinspiel relativiert werden. Außerdem steht zu befürchten, dass ein unkoordinierter Support sich vor allem durch Hassgesänge und rassistische Parolen auszeichnen wird. So zuletzt im Februar 2013 in Bremen erlebt, als die Anreise der Ultrászene unter dubiosen Umständen verhindert wurde. Das kann nicht im Interesse aller sein, denn es wirft letztendlich nur ein noch schlechteres Licht auf die Fanszene, was zur nachträglichen Bestätigung der Maßnahmen herangezogen werden kann. Daher ist ein Teilboykott des Spiels nicht der richtige Weg um die Öffentlichkeit auf die Umstände aufmerksam zu machen.

Bleiben Anreise und Demonstration friedlich, können die Verantwortlichen sich hinterher damit brüsten, die richtigen Maßnahmen getroffen zu haben. Wird der Protest dabei nicht wahrnehmbar, was durch die Einschränkung der Demonstration gewährleistet wird, steht einer Verbreitung dieser Methoden nichts mehr im Wege. In Zukunft kann man damit rechnen, dass diese häufiger angewendet werden – eventuell auch über den Fußball hinaus. Kommt es bei der Anreise und/oder der Demonstration zu Ausschreitungen, wird man verlauten lassen, alles versucht zu haben, die Maßnahmen jedoch offensichtlich leider (noch) nicht ausreichend waren. In Zukunft könnte es also nicht nur zur Verbreitung der Methoden, sondern sogar noch zu einer Verschärfung kommen.

Politik gehört eben doch ins Stadion!

Verweigert (nur) die aktive Fanszene die Teilnahme am Spiel, hat Martin Kind genau das erreicht, was er sich seit Monaten öffentlich wünscht: “Die Ultras” sind nicht im Stadion – man spielt ihm also in die Karten. Der einzige Weg, um den Umständen gerecht zu werden, ist eine gemeinsame Anreise zum Spiel und ein entschlossener Protest IM Stadion, der dann auch von allen Seiten wahrgenommen werden muss! Dies kann beispielsweise durch eine Mottofahrt in Sträflingskleidung, ein (zeitlich begrenztes) Nichtbetreten des Gästeblocks, kollektive Supportverweigerung, kritische Spruchbänder o.ä. erreicht werden. Von absoluter Notwendigkeit für die öffentliche Wahrnehmung ist ein friedlicher Verlauf der gesamten An- und Abreise, sowie des Stadionaufenthalts an sich. Gleichzeitig sollten alle, die keine Karten “gewonnen” haben, sich aufmachen und !friedlich an der Demonstration teilnehmen.  Das hier geht uns alle an – egal ob Fußballfan oder nicht!

Wer es ein bißchen knapper und präziser braucht, hier mein  Kommentar dazu aus dem Fanmag:

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