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Was gesagt werden muss

Etwas über zwei Jahre ist es her, dass der Schriftsteller Günther Grass in der Süddeutschen Zeitung ein Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“ veröffentlichte.  Dieses Gedicht enthielt allerlei Dinge, die von einem deutschen Nobelpreisträger nicht hätten gesagt werden dürfen. Schon gar nicht von einem mit  Vergangenheit in der Waffen-SS.

Erneut entbrennt gerade eine Debatte um den Nahost-Konflikt: Die Zeitungen und Online-Medien sind voll mit aktuellen Meldungen aus der Region – die Kommentarspalten und sozialen Netze voll mit antisemitischer Hetze. Doch die Hetze bekommt dieser Tage eine neue Qualität.

Die vorher unter dem Deckmantel der Kritik versteckte anti-israelische Haltung, tritt nun als mehr oder weniger offene Judenfeindschaft zu Tage: Die Meldungen von antisemitischen, gewalttätigen Übergriffen, aus ganz Europa, häufen sich. Gleichzeitig bildet sich eine gefährliche Allianz aus angeblichen 'Friedensfreund*Innen', Nazis, vermeintlichen 'Israelkritiker*Innen', religiösen Fanatiker*Innen, linken wie rechten 'Anti-Imperialist*Innen', und pro-palästinensischen Demonstrant*Innen, die dieser Tage zu tausenden die Straßen europäischer Städte füllen.

Dieser Text ist der Versuch, die Geschichte der Judenfeindschaft zu erzählen und – angesichts der aktuellen Ereignisse – einmal wirklich zu sagen, was gesagt werden muss.

Von aktuellen Debatten und Schuldabwehrreflexen

Seit dem Tod der vier Jugendlichen, befindet sich der sogenannte Nahostkonflikt erneut in einer heißen Phase. Israel beantwortete die zahllosen Raketenabschüsse aus dem Gazastreifen zunächst mit Luftangriffen und hat nun auch eine Bodenoffensive gestartet.

Es ist erstaunlich, wie sehr gerade dieser Konflikt weltweit polarisiert. Ungeachtet der unzähligen weiteren (Bürger-)Kriege auf der Welt, tausenden Toten und Millionen Flüchtender täglich, ist es immer diese Auseinandersetzung, die in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückt, sobald Israel einen Schuss abfeuert.

Eine Gesellschaft, die immer wieder derartig emotionsgeladen genau diesen Konflikt debattiert, muss sich wohl fragen lassen, welche Geisteshaltungen und Affekte in ihren Individuen schlummern. [1] Offenbar reicht eine intensive Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Nazis nicht aus, um den verdeckten Antisemitismus in der Gesellschaft auszumerzen.

Das könnte darin begründet liegen, dass der Fokus der historischen Aufarbeitung auf den Verbrechen der Nazis liegt. Und darin, dass damit immer die Möglichkeit besteht, die Greueltaten in Auschwitz und Co. von sich zu weisen und auf 'die Nazis' zu schieben.

Maßgebend für den Post-Holocaust-Antisemitismus ist die Judenfeindschaft nicht trotz, sondern gerade wegen der Vernichtung in den Konzentrationslagern: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ [2]

Der Prozess der andauernden Konfrontation mit dem deutschen Völkermord, mündet in einen Schuldabwehrreflex: „Antisemiten? Was hab ich damit zu tun? Das waren/sind doch 'die Nazis'.“ oder neuerdings: „Antisemiten? Jaja – 'die Muslime'…“.

Diesem Reflex entspringt z. B. die Forderung, 'es müsse ja nun auch endlich mal gut sein' – 'wir', so die Annahme, 'hätten genug gebüßt'.

Dass es bei der Aufarbeitung aber nicht um Buße, sondern um die allgemeine Verantwortung geht, "dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe" [3] wird verdrängt. Eine historische Aufarbeitung der Wurzeln des faschistischen Vernichtungswahns findet kaum statt.

Eine subjektive Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen und den damit verknüpften Affekten, auf Grundlage der Selbstreflexion, wird so umgangen. Die Chance, eigene antisemitische Haltungen und Affekte aufzuspüren und zu bekämpfen, wird verpasst.

Antisemitische Stereotype können sich daher unter dem Deckmantel der vermeintlichen 'Israelkritik' [4] weiter reproduzieren und sogar noch ausweiten. Dies zeigt nicht zuletzt eine aktuelle Studie, die bei etwa 26 Prozent der Weltbevölkerung antisemitische Einstellungen nachgewiesen hat.

Die Henne und das Ei

Gerne wird behauptet, die Ursachen für den andauernden Konflikt in Nahost lägen in der Gründung des Staates Israel (1948) und dessen 'expansiver Politik' begründet. In Wahrheit liegen die Ursachen weitaus tiefer.

Den Anfang markiert die Verfolgung des Judentums: Anfangs als monotheistische Religion verfolgt und unterdrückt, wurden Menschen jüdischen Glaubens über Jahrhunderte aus ihren angestammten Siedlungen vertrieben. Sie siedeln sich schließlich im Nahen Osten an und gründen letztlich einen eigenen Staat – Judäa, das spätere römische Protektorat Palästina.

Nach der Zerstörung des Tempels (70 n. Chr.) durch die Römer und dem folgenden Zusammenbruch des Staates der Judäer, verstreuen sich Menschen jüdischen Glaubens in der gesamten damals bekannten Welt und bilden kleine jüdische Gemeinden. Zwar sind sie weit vernetzt und daher wirtschaftlich erfolgreich, sie bleiben jedoch stets eine Minderheit.

Nach einigen Jahrhunderten des friedlichen Zusammenlebens und des Wohlstands, bricht unter den Christen eine neue Welle des Hasses auf Juden aus: Als osmanische Herrscher den Islam bringen und die „Heilige Stadt“ Jerusalem erobern (in welcher – der Legende nach – Jesus begraben sein soll), rufen die Kirchen erstmals einen Kreuzzug aus (1095 n. Chr.).

Die „Heilige Stadt“ in den Händen von „Fremden“, von Andersdenkenden? Das kann keinesfalls hingenommen werden. Eine sich verselbstständigende Kreuzzug-Propaganda sorgt für ein Bewusstsein über die Minderheit der „Fremden“ und Andersdenkenden im eigenen Land – 'die Juden'. Erste gezielte Pogrome und Massentötungen ereignen sich daraufhin europaweit.

In der Folge als "Christusmörder"[5], “Brunnenvergifter”[6], “Kindermörder“[7] und später – je nach Gusto – als 'krankhaft geizig', 'raffgierig' oder eben 'ausschweifend' und 'zügellos' diffamiert und gehasst, werden Juden – wohin auch immer sie kommen – ausgegrenzt, unterdrückt und verfolgt.

Sie werden für sämtliche Missstände der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Jüdinnen und Juden dürfen nur noch bestimmte Berufe ausüben und müssen in der Öffentlichkeit sofort klar erkennbar sein. Ungeachtet jeglicher Widersprüche, zieht sich diese offene Judenfeindschaft durch die Jahrhunderte.

Nach und nach steigert sich diese Feindschaft zu einem irrationalen, kollektiven Wahn, der religiöse Züge annimmt. Eine herbeifantasierte zionistische Weltverschwörung wird zum Erklärungsmuster für alles Schlechte in der Welt. Damit einher geht ein unbedingter Vernichtungswille, á la ‚Wer die Juden von der Erdoberfläche tilgt, wird die Welt von allem Übel erlösen‘.

Seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht dieser Wahn in der massenhaften, industriell organisierten Ermordung von mehr als sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens in den Konzentrationslagern der Nazis und deren Helfershelfer.

Dieser „Rückfall in die Barbarei“ wird heute allgemein als Holocaust bezeichnet. Jüdische Menschen selbst bezeichnen ihn als „Shoa“ – „die große Katastrophe“ oder „das große Unglück“. Diese Form des organisierten und industrialisierten Massenmords ist einzigartig in der Geschichte der Menschheit und mit nichts (!) zu vergleichen.

Der Ursprung des Übels

Der Ursprung des Übels liegt also keineswegs in der (Neu-)Gründung des Staates Israel oder dessen Politik begründet. Der Ursprung dieses Konflikts ist, wie bei so vielen, die Religion. Es lässt sich nicht bestreiten, dass nach wie vor ein großer Teil der weltweiten kriegerischen Auseinandersetzungen auf unterschiedliche Glaubensmuster zurückzuführen ist.

Auch das Verhältnis zwischen dem Islam und dem Judentum ist von Grund auf belastet. Im Koran selbst finden sich einige Passagen, die von Fundamentalisten genutzt werden, um gegen Juden zu hetzen. (Siehe dazu auch entsprechende Koran-Zitate in der Charta der Hamas in den Fußnoten 8 und 9 dieses Textes.)

So erklärt sich der irrationale Hass auf die jüdische Glaubensgemeinschaft in weiten Teilen der muslimischen Welt. Die Entwicklung der Ausgrenzung, der Vertreibung und des Hasses gegen Juden verläuft dabei ähnlich, wie die des Christentums.

Besonders dann, wenn der Glaube herhalten muss, um politische Handlungen und autoritäre Denkmuster zu rechtfertigen – bzw. durchzusetzen und zu verfestigen – sterben Menschen. Entgegenwirken kann man diesem Phänomen wohl nur mit einer vollständigen Säkularisierung und einer damit einhergehenden umfassenden Aufklärung durch flächendeckende Bildung.

Der Glaube an Gott (welchen auch immer), als Erklärungsmuster für die Entstehung, die aktuellen Ereignisse und Zusammenhänge in der Welt, hat endgültig ausgedient!

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Die aktuelle Entwicklung

Nach der Ermordung von vier Jugendlichen, entflammt der Nahostkonflikt erneut. Israelische Polizeiaktionen im Westjordanland werden mit Raketen der Hamas aus dem Gazastreifen beantwortet.

Erstmals sind weite Teile Israels von den Angriffen betroffen, nicht nur das Grenzgebiet. Israel antwortet zunächst mit Luftangriffen auf den Gazastreifen. Es folgt eine erste Bodenoffensive, die im Verlauf der Auseinandersetzung massiv ausgeweitet wird.

Angesichts der vielen zivilen Opfer, ist die Empörung weltweit groß. In Europa demonstrieren zig Tausende bei sogenannten Pro-Palästina Aufmärschen und fordern „Freiheit für Palästina!“ oder „Free Gaza!“. Was sich dann jedoch bei näherer Betrachtung zeigt: Es handelt sich hierbei keinesfalls um Demonstrationen für Frieden und Freiheit.

Was hier mit Plakaten und Parolen zur Schau gestellt wird, ist der blanke Judenhass. Dabei werden sowohl neue als auch jahrhundertealte Vorbehalte gegenüber Juden bedient und reproduziert ("Kindermörder Isarel" darf hier als ein Beispiel gelten) Die vorgeschobene Kritik an der Politik Israels tritt dabei völlig in den Hintergrund.

Am Rande dieser Demonstrationen brechen sich diverse Affekte zügellos Bahn. Es kommt zu gewalttätigen Übergriffen – vor allem in Frankreich, Deutschland und Italien. Auch in Istanbul greifen Demonstrierende die israelische Botschaft an.

Jüdinnen und Juden in Europa fühlen sich auf den Straßen inzwischen nicht mehr sicher. Immer mehr Juden aus Frankreich (wo es schon in den letzten Jahren immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen kommt), planen nach Israel auszuwandern. "Lieber in Israel im Bunker, als auf dem Boulevard in Paris".

Es ist nicht besonders weit hergeholt, wenn man sich angesichts dieser Ereignisse grausam erinnert fühlt, an die Ereignisse im November 1938, als die Nazischergen marodierend durch Deutschlands Straßen zogen und alles kurz und klein schlugen, was auch nur im Verdacht stand, irgendwie jüdisch zu sein.

Besonders bemerkenswert: Bisher hält sich die Staatsmacht auffallend zurück. In Frankfurt lieh sie den anti-israelischen Demonstrierenden sogar ihren Lautsprecherwagen.

Israel ein ‚Apartheidsregime‘?

Der Staat Israel ist zwar notwendig mit dem Judentum verknüpft, jedoch handelt es sich formal um einen säkularen Staat. Etwa 25% der israelischen Bevölkerung sind nicht jüdischen Glaubens.

Entgegen der Behauptung es handele sich um einen Apartheidstaat, leben und arbeiten diese 25% der Bevölkerung ganz normal Tür an Tür und Schreibtisch an Schreibtisch mit der jüdischen Bevölkerung. An Schulen, Universitäten, in der Verwaltung und sogar beim Militär.

Es ist unzweifelhaft, dass es auch dabei zu Diskriminierungen bestimmter Bevölkerungsgruppen kommt. Allerdings ist das bekanntermaßen kein Problem, welches man in Israel exklusiv gepachtet hätte.

Es gilt in jedem Fall, zumindest formal, der Grundsatz der Gleichbehandlung. Von struktureller Unterdrückung (mehr als anderswo), kann daher nicht gesprochen werden.

Israel ist einer der größten Versorger des Gazastreifens. Sowohl in finanzieller als auch in humanitärer Hinsicht. "Letztendlich ist der Terror nicht Folge, sondern Ursache der aktuellen Situation". Wer meint, Israel müsste nur die Waffen niederlegen, verkennt die Lage.

Sollte Israel die Waffen niederlegen, darf es als sicher gelten, dass diverse Gruppen in der Region versuchen würden, ihre Vernichtungsphantasien in die Tat umzusetzen.

Letztendlich ist Israel die einzige funktionierende Demokratie in der Region. Zwar kann man das Modell der repräsentativen Demokratie gerne anhaltend kritisieren, dabei wäre jedoch folgendes zu berücksichtigen:

Für Marx war der passende Antagonist zum Kommunismus der Kapitalismus. Aus ihm sollte notwendig der internationale Sozialismus hervorgehen. Es stellt sich die Frage, ob es sich nicht ganz ähnlich mit der (repräsentativen) Demokratie verhält.

Ob also eine befreite, tolerante und aufgeklärte Gesellschaft nur aus ihrer bedingten Freiheit und dem damit einhergehenden relativen Wohlstand im gegenwärtigen Konsenssystem entstehen kann.

Die Menschen brauchen die geistige und körperliche Freiheit sowie die Zeit zur Reflexion und Kritik, um sich darüber Gedanken machen zu können, wie sie tatsächlich leben wollen. Anders ausgedrückt: Der demokratische Liberalismus scheint die notwendige Voraussetzung zu sein, um diese Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens gewaltfrei überwinden zu können.

Unter einem autoritären Regime, bleibt das entweder illusorisch oder muss notwendig in eine andere Form der totalitären Herrschaft umschlagen. Das hat die Vergangenheit gezeigt.

Der Vernichtungswahn der Hamas 

Die Hamas erkennt den Staat Israel nicht an und leugnet den Holocaust. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, alle Juden auf der Welt zu vernichten. [8] „Palästina“ soll muslimisch werden. [9] Ausschließlich. Einen Frieden mit Israel/‘den Juden‘ kann es laut ihrer Charta also nicht geben.

Es ist die Hamas, die den Judenhass predigt und einen islamischen Gottesstaat errichten will.

Es ist die Hamas, die die viel beklagten Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde für ihre Angriffe benutzt.

Es ist die Hamas, die ihre Tunnel und Waffendepots unter und in zivilen Gebäuden der öffentlichen Versorgung einrichtet.

Es ist die Hamas, die internationale Hilfsgelder lieber für Raketen und Tunnel –  also ihren heiligen Krieg – verpulvert, statt in die Infrastruktur, die medizinische Versorgung, den öffentlichen Dienst oder in die Bildung zu investieren.

Flagge zeigen…

Israel ist also nach wie vor bedroht. Mit der Hamas gibt es – in unmittelbarer Nachbarschaft – eine international anerkannte Terrororganisation in Regierungsämtern.

Auch in den umliegenden Staaten gibt es viele fundamentalistische Gruppen, für die ein Frieden mit Israel nicht zu machen wäre: In Syrien kämpfen Islamisten um die Macht. Im Irak verbreitet die ISIS Angst und Schrecken. [10]

In anderen Ländern, wie z. B. dem Iran, sieht es ähnlich aus. Viele der direkten Nachbarstaaten stehen Israel allenfalls neutral, in der Regel aber ablehnend gegenüber. Das Bedrohungspotential ist also nach wie vor groß.

Solange in der gesamten Region derartige Verhältnisse herrschen, wird Israel immer wieder aufs Neue gezwungen sein, sich zu verteidigen.

Die einzige (!) Position, die einzunehmen einer Post-Holocaust-Gesellschaft (angesichts der historischen Ereignisse und aktuellen Umstände) angemessen wäre, ist die unbedingte Solidarität mit allen Jüdinnen und Juden weltweit, die von diesem Hass bedroht sind.

Dazu gehört die Solidarität mit den jüdischen Frauen, Männern und Kindern aus der Nachbarschaft genauso, wie die Anerkennung des Existenz- und Selbstverteidigungsrechts des Staates Israel.

Desgleichen die uneingeschränkte Solidarität mit allen palästinensischen Männern, Frauen und Kindern, die unter dem Diktat der Hamas leiden. "Free Gaza – from Hamas!"

…aber kritisch bleiben! 

Eine freiheitlich orientierte, radikale Linke, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die herrschenden Verhältnisse zu analysieren, zu kritisieren und letzten Endes umzuwerfen, muss auch angesichts dieser besonderen Verhältnisse kritisch bleiben.

Die Anerkennung des historisch bedingten Existenz- und Selbstverteidigungsrechts bedeutet nicht, dass Tendenzen innerhalb Israels, die einer aufgeklärten und befreiten Gesellschaft entgegenstehen, widerspruchslos hingenommen werden müssen. Das gilt genauso für die gegenwärtige politische und militärische Praxis.

Wer den fundamentalistischen Islam kritisiert, muss – aus den gleichen Gründen – die (ultra-)orthodoxen Strömungen der jüdischen Gläubigen kritisieren, auch wenn diesen nicht zwanghaft der gleiche Vernichtungswille innewohnt.

Wer den Vernichtungswillen von Hamas und Co. kritisiert, der muss genauso Äußerungen prominenter Israelis kritisieren, die jeden Palästinenser zum Feind erklären und zum Mord an Frauen und Kindern aufrufen.

Wer eine gerechte und freie Gesellschaft anstrebt, der muss Israel als das kritisieren, was es ist: Ein Nationalstaat, der „strukturell Gewalt und Zwang ausübt“. [11]

Zwar ist unter den herrschenden Umständen die Notwendigkeit seiner Existenz gegeben, jedoch muss langfristig die Überwindung des Konstrukts Staat das Ziel einer emanzipatorischen Linken sein.

Die zwingende Wehrpflicht ist eine Sache, die kritisiert werden muss. Mag sie anhand der Bevölkerungszahl auch notwendig erscheinen, kann Zwang aus Sicht einer antiautoritären Linken niemals ein Mittel sein. [12]

Ebenso ist die Siedlungspolitik ein Instrument, welches nicht dazu beiträgt, die Region zu befrieden. Die Praxis einiger radikaler Siedler erst recht nicht.

Sollte diese Praxis nicht aufgegeben werden, ist im Westjordanland in naher Zukunft der Punkt erreicht, an dem eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung, ohne erneute Vertreibungen, für immer unmöglich gemacht wird.

Unter den gegenwärtigen Umständen, bleibt der Humanismus (leider) eine Illusion. Offenbar gibt es Konflikte, die nur mit Gewalt gelöst werden können.

Auch bei einem unzweifelhaften Selbstverteidigungsrecht Israels und dessen anerkannter Notwendigkeit im aktuellen Konflikt, stellt sich aber die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Mittel: Gerade weil bekannt ist, dass die Hamas skrupellos Privathäuser und Zivilisten nutzt um ihre Abschussbasen zu decken, um dann mittels Propaganda den Hass zu schüren, wäre zu fragen, ob Luftangriffe das richtige Mittel sind.

Unabhängig davon, ob mittels Warnanrufen und Warnraketen versucht wird, die Anzahl an zivilen Opfern zu einzudämmen. Zivile Opfer sind aufgrund der örtlichen Gegebenheiten schlicht unvermeidlich.

Ob eine Bodenoffensive zielführend ist, bei der Panzer und Artillerie gegen zivile Einrichtungen (mitunter Krankenhäuser und Schulen), Häuser etc. eingesetzt werden, bleibt ebenfalls fraglich.

Wenn man die weltweiten Reaktionen beobachtet, schürt das eher den Hass und gibt den ‚Israelkritiker*Innen‘ nur unnötig zusätzliche ‚Argumente‘ an die Hand.

Wie lösen ‚wir‘ das Problem?

Die Region muss dringend nachhaltig befriedet werden, das steht außer Frage. Dies kann zunächst nur geschehen, indem der Gazastreifen und das Westjordanland von der Hamas befreit werden.

Dafür müsste eine Bodenoffensive gezielt gegen die Terroristen vorgehen und dabei möglichst die Zivilbevölkerung schonen.

Den Menschen muss die Möglichkeit zur Flucht gegeben werden. Wenn Ägypten, das gerade mühsam die Muslimbruderschaft im eigenen Land niedergerungen hat (um sie durch ein anderes autoritäres Regime zu ersetzen), sich weigert die Grenze zu öffnen, dann muss Israel das tun und so eine kontrollierte Flucht ermöglichen.

Anführer der Hamas müssen aus dem Verkehr gezogen, Waffenlager und Tunnel zerstört werden. Anschließend wäre die Stationierung von UN-Blauhelmtruppen in der Region eine Option, die schon zwischen 1957 und 1967 zu einer Beruhigung der Situation geführt hat.

Sobald sich die Lage beruhigt, ist ein internationales Hilfs- und Aufbauprogramm – eine Art ‚Marshallplan‘ zwingend – damit sich die Lage vor Ort verbessern kann. Nur so kann der Hass nachhaltig eingedämmt und auf eine friedliche Lösung des Konflikts hingearbeitet werden. 

[1] "Wem gilt der antisemitische Reflex wirklich?" Interview mit Raphael Gross (Fritz Bauer Institut) in der FAZ.

[2] Zvi Rex: Der ewige Antisemit. Berliner Taschenbuch Verlag (2005) S. 158

[3] Theodor Adornos kategorischer Imperativ, Meditationen zur Metaphysik. In: Lyrik nach Auschwitz. Adorno und die Dichter. Reclam (1995) S. 61

[4] Der Begriff der ‚Israelkritik‘ wird oft verwendet, wenn vorgeblich Kritik an israelischer Politik geübt werden soll. Einige Antisemitismusforscher meinen, allein der Gebrauch des Begriffs sei entlarvend. Schließlich spreche man auch nicht von Deutschland-, Polen oder Schwedenkritik. Bezeichnend ist in jedem Fall, dass der Begriff im Allgemeinen verwendet wird, um Pauschalisierungen und dumpfe antisemitische Parolen nach dem Motto ‚das wird man ja wohl noch sagen dürfen?!‘ folgen zu lassen. Dazu Stefan Grigat: "Dieser Begriff bringt schon zum Ausdruck, worum es eigentlich geht: Nämlich nicht um eine angemessene Kritik an einzelnen Entscheidungen der israelischen Regierung, sondern eben doch um ein dumpfes Ressentiment, das auf die Existenz des jüdischen Staates zielt." Im Interview auf dw.de.

[5] Christen glauben, Jesus sei der Sohn Gottes und damit Gott selbst. Jesus starb, der Legende nach, am Kreuz für die Sünden der Menschheit. Falls es Jesus gegeben hat (der dann selbst Jude war), so wurde er nach römischem Recht verurteilt und gekreuzigt. Ob Juden daran überhaupt in irgendeiner Art und Weise beteiligt waren, kann nicht belegt werden. Wie überhaupt die ganze Geschichte an sich. Aber Rationalität war ja ohnehin bisher nie kennzeichnend für Sündenbocktheorien, na denn: Haben ‚die Juden‘ eben Christus (also Gott) ermordet. -.-

[6] Als im Mittelalter in Europa die Pest ausbricht, kann man sich den plötzlichen Ausbruch nicht erklären – es muss eine Strafe Gottes für die Schlechtigkeit der Menschen sein. Wer aber sind die schlechtesten Menschen überhaupt? Richtig, ‚die Juden‘. Folglich sind sie schuld an der Pest. Der Herzog am Genfer See lässt vier Juden verhaften und auf die Festung Chillon bringen. Unter Folter gestehen zwei, ein Gift aus Christenherzen und allerlei anderen Zutaten hergestellt und an ihre Glaubensgenossen verteilt zu haben, um die Brunnen zu vergiften. Ungeachtet dessen, dass Kaiser und Könige das als Spinnerei abtun, verbreitet sich die Legende von den ‚Brunnenvergiftern‘ in der Bevölkerung. Es kommt zu Pogromen.

[7] Ähnlich wie in [5] und [6] verhält es sich mit der Kindsmordlegende des Mittelalters. Was gibt es schlimmeres, als ein gestorbenes, unschuldiges Kind?! Soviel Schlechtigkeit gibt es natürlich wiederum nur bei 'den Juden', also sind 'die Juden' sowohl für den plötzlichen, als auch den gewaltsamen Kindstod verantwortlich. Interessant dabei ist, dass diese Legende auch heute noch eins zu eins so zu funktionieren scheint, wenn pauschal mal eben alle Juden und Jüdinnen – sowie deren Unterstützer*Innen – weltweit, für die toten Kinder in Gaza verantwortlich gemacht werden: „Blut an Euren Händen!“

[8] „Der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil-, sprach: ‚Die Stunde wird kommen, da die Muslime gegen die Juden solange kämpfen und sie töten, bis sich die Juden hinter Steinen und Bäumen verstecken. Doch die Bäume und Steine werden sprechen: ‚Oh Muslim, oh Diener Allahs, hier ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt. Komm und töte ihn!‘ Nur der Gharkad-Baum wird dies nicht tun, denn er ist ein Baum der Juden.‘ (nach den Hadith-Sammlungen des al-Buchari und Muslim)“ [aus Art. 7 der Charta der Hamas]

[9] „Die Islamische Widerstandbewegung ist eine spezifisch palästinensische Bewegung, treu Gott ergeben. Der Islam dient ihr als Lebensentwurf. Sie strebt danach, das Banner Gottes über ganz Palästina, jeder Handbreit davon, aufzupflanzen. Unter dem Islam können die Anhänger aller Religionen in Sicherheit für sich, ihren Besitz und ihre Rechte zusammenleben. Ohne den Islam jedoch kommt es zu Konflikten, verbreiten sich Ungerechtigkeit und Korruption und brechen Streitigkeiten und Kriege aus.“ [aus Art. 6 der Charta der Hamas]

[10] Inzwischen angezweifelt: Fatwa der ISIS im Irak

[11] Zitat aus dem Selbstverständnis der association [belle vie].

[12] Dazu eine aktuelle Meldung bei SPON: „Kriegsboykott israelischer Reservisten: ‚Wir weigern uns‘ “ 

yochanan
Juli 25th, 2014 at 4:23 pm

Alle Ehre einem ehrlichen Analytiker. Auch wenn ich mit Ihrer Kritik am politischen System, und dem Sozialismus/ kommunismus im Allgemeinen, gar nicht einverstanden bin, sehe ich hier einen Mentsch, wie es in Jiddisch heisst. Danke fuer diesen hervorragenden Artikel.

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