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Fragwürdiger Journalismus – Wie die Presse gegen hannoversche Fußballfans hetzt

Die Berichterstattung

zu den Vorfällen am Bahnhof Achim am 01. Februar 2013 ist derart haarsträubend, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll diese zu kritisieren. Zunächst einmal werden hier Zeit und Ort verschiedener Situationen, die aus der vorliegenden Presseerklärung der Bundespolizei nicht eindeutig hervorgehen, willkürlich miteinander vermischt.

Außerdem wiedersprechen sich die Presseerklärung, ebenso wie der Bericht, mehrfach selbst, wenn es um Zahlen und Tatbestände geht. Im weiteren Verlauf werden Spekulationen und Mutmaßungen, die aus Hören-Sagen resultieren als Tatsachen dargestellt. Trotzdem sich im Nachhinein diverse Augenzeugen (darunter auch ein beteiligter Polizist) zu Wort gemeldet haben, die die Berichterstattung wiederlegen, wird auf eine differenziertere Betrachtung der Vorkommnisse oder gar eine Gegendarstellung vollständig verzichtet.

Dies lässt mehrere mögliche Schlüsse zu, von denen einer dem kritischen Beobachter als gesichert erscheint: Nämlich, dass eine solche öffentliche Darstellung der hannoverschen Fanszene seitens der berichtenden und direkt beteiligten offiziellen Organe gewünscht ist. Die Haltung des Vereinspräsidenten Martin Kind bezüglich der Fanszene und dem „Premium Produkt“ Bundesliga ist bekannt. Das wiederum wirft in diesem Zusammenhang unangenehme Fragen in Bezug auf die bestehende Beteiligung des Madsack Verlages an der Unternehmung Hannover 96 auf:

Aufgabe der Presse ist es, die Meinungsbildung der Öffentlichkeit zu befördern, indem sie objektiv und sachlich über Ereignisse berichtet. Hierzu gibt es einen eigens erschaffenen Pressekodex, nach dem sich die publizierenden Organe richten sollten. Dass dieser in der Praxis großzügig ausgelegt wird und nahezu jedes Organ tendenziell eine bestimmte Meinung vertritt, ist bekannt und nicht weiter tragisch. Kritisch wird es erst dann, wenn diese Meinung in direktem Zusammenhang mit wirtschaftlichen oder anderweitigen internen Interessen steht – bzw., wie in diesem Fall, tatsächlich stehen könnte (man beachte den Konjunktiv).

Dies wäre zumindest ein indirekter Verstoß gegen Ziffer 6 der Medien-Kodizes „Trennung von Tätigkeiten“ :
Hier heißt es: „Journalisten und Verleger üben keine Tätigkeiten aus, die die Glaubwürdigkeit der Presse in Frage stellen könnten.

Richtlinie 6.1. – Doppelfunktionen

Übt ein Journalist oder Verleger neben seiner publizistischen Tätigkeit eine Funktion, beispielsweise in einer Regierung, einer Behörde oder in einem Wirtschaftsunternehmen aus, müssen alle Beteiligten auf strikte Trennung dieser Funktionen achten. Gleiches gilt im umgekehrten Fall.“

Tatsächlich, finden sich, bei Betrachtung der vorliegenden Berichterstattung, eine ganze Reihe von direkten und/oder indirekten Verstößen, oder zumindest fragwürdigen Sachverhalten in Bezug auf den Pressekodex des Deutschen Presserats. Vor allem ist dabei Bezug zu nehmen auf

Ziffer 2 „Sorgfalt“:

“Recherche ist ein unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt, noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche kenntlich zu machen.”

Ein erster Verstoß wurde hier bereits korrigiert: Das symbolträchtige Pyrotechnik Foto, das zeitweise als Titelbild zum HAZ Online-Artikel diente, wurde ersetzt. Tatsächlich hatte dies nichts mit dem eigentlichen Vorfall zu tun und war daher irreführend. Weiter hätte der Bericht zumindest bis zur Bestätigung durch mehrere unabhängige Quellen (Mehrzahl) als unbestätigte Meldung kenntlich gemacht werden müssen (Konjunktiv (auch in der ursprünglichen Berichterstattung): „Hannover Fans sollen randaliert haben“ wäre eine Möglichkeit gewesen).

Statt einem Hinweis darauf, dass die Meldung sich allein auf einen Polizeibericht bezieht, wurde hier der Vorfall wissentlich als Tatsache präsentiert und eine ganze Gruppe Angehöriger der hannoverschen Fanszene, ”die Ultras“, zudem namentlich als Verursacher ausgemacht (dieser Hinweis wurde Online nachträglich eingefügt). Dies führt direkt weiter zu

Ziffer 13 der Presse Kodizes,

dieser beschäftigt sich mit der Unschuldsvermutung:

„Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.“

Ziffer 13.1. beschäftigt sich im Folgenden mit der sogenannten Vorverurteilung, Richtlinie 13.2. explizit mit der Folgeberichterstattung. Zusammengefasst besagt dieser Abschnitt, dass eine Berichterstattung immer neutral erfolgen muss und zwar bis ein rechtskräftiges Urteil im vorliegenden Fall gesprochen wurde. Und selbst dann ist in der Berichterstattung noch Bezug auf dieses zu nehmen. (Beispiel: Laut Urteil des AG Hannover vom xx zu folgendem Sachverhalt … ist …”) Zu guter Letzt wäre da noch

Ziffer 3 „Richtigstellung“:

“Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen, insbesondere personenbezogener Art, die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus und in angemessener Weise richtig zu stellen.”

Was wirklich geschah

Aufgrund diverser unabhängiger Augenzeugenberichte, ergibt sich zumindest ein teilweise anderes Bild des Sachverhaltes, als in HAZ und NP dargestellt. Darauf wird aber nur unzureichend eingegangen, statt sich ernsthaft mit den Äußerungen der Augenzeugen auseinander zu setzen, werden diese lediglich als unglaubwürdige Gegendarstellung der „Krawallmacher“ präsentiert. Ein Verweis, dass die Gegendarstellung der Fanhilfe Hannover keine offizielle Erklärung der Gruppierung „Ultras Hannover“ ist, fehlt. Im Gegenteil – diese wird sogar als solche bezeichnet. Tatsächlich jedoch ist die Fanhilfe keineswegs stimmgebendes Organ der UH, wenn sie sich auch wiederholt derer Probleme angenommen hat, sondern ein unabhängig von einzelnen Lagern der Fanszene operierender Verein.

Wenn man die Ereignisse objektiv, unter Berücksichtigung der Augenzeugen UND der polizeilichen Presseerklärung betrachtet, ergibt sich folgendes Bild: Im Vorfeld der Bundesliga Partie Werder Bremen – Hannover 96 am 01.02.2012 gab es eine Verfügung, der Stadt Bremen. In dieser wurde festgelegt, dass die anreisenden Fans sich nicht geschlossen in Form eines Fanmarsches vom HBF zum Bremer Weserstadion bewegen dürfen. Die Konsequenz aus dieser Verfügung war eine geplante und auch durchgeführte, polizeilich begleitete Anreise in extra bereit gestellten Bussen. In dieser Verfügung ist der verbotene Bereich klar umgrenzt – das niedersächsische Achim gehört nicht dazu.

Die betreffende Fangruppe reiste in einem regulären Regionalexpress an, in diesem wurde offensichtlich geraucht und auch getrunken. Dieses Verhalten verstößt gegen die Richtlinien der Deutschen Bahn, und ist für unbeteiligte Mitreisende ein Ärgernis, jedoch rechtlich allenfalls eine Ordnungswidrigkeit, keinesfalls jedoch eine Straftat. Am Bahnhof Achim kommt es zu einem planmäßigen Halt. Der Zug wird jedoch nicht (wie anfangs berichtet) von der Polizei gestoppt, weil es zu Randale gekommen ist. Große Teile der mitreisenden Fans verlassen den Zug. Teilweise, nach eigenem Bekunden, um die Polizeieskorten am Bremer HBF zu umgehen. Was den Rest dazu veranlasste und welche Ziele und Absichten die Aussteigenden verfolgten, ist bisher reine Spekulation: Dazu zählen, Nichtwissen um die Absichten der Ultrafraktion, die Überredungskünste dieser – aber auch die Zustände im angesprochenen Zug (schlechte Belüftung, Überfüllung etc.).

Die hannoversche Fanszene

Die hannoversche Fanszene ist bisher nicht für ihre Gewalttätigkeit in Zusammenhang mit den Spielen ihres Teams bekannt – da gibt es andere Kaliber. Wenn, dann fielen die Fans durch das Abbrennen verbotener Pyrotechnik oder unliebsamen, teilweise verbotenem aber stets friedlichem, kreativem Protest gegen die Vereinsführung /-politik während der Spiele auf. Wobei ersteres wiederum eine Ordnungswidrigkeit und keine Straftat darstellt. Zweites lediglich die Anwendung eines im Grundgesetz verbrieften Rechts auf freie
Meinungsäußerung, auch wenn dies in der dargebotenen Form vorher durch die Vereinsführung untersagt wurde. Zu dokumentierten Verletzungen oder größerem Sachschaden kam es bei beidem bisher nicht.

Das Verlassen des Zuges um die Polizeilichen Maßnahmen in Bremen zu umgehen, kann vor diesem Hintergrund allenfalls als ziviler Ungehorsam betrachtet werden. Eine erkennbare Absicht zu randalieren kann daraus nicht abgeleitet werden – dies ist reine Spekulation. Ob es als rechtliche Grundlage ausreicht, um die folgenden Maßnahmen zu rechtfertigen, muss ein Gericht entscheiden – dies steht der Presse, ihren Lesern oder der Vereinsführung nicht zu.

Spekulationen und Betretungsverbot

Die für das spätere Betretungsverbot der Stadt Bremen zu Grunde liegenden Straftaten, hat es offenbar nicht gegeben, bzw. wurden nicht von der betroffenen Gruppe begangen. Die angesprochenen Flaschenwürfe auf Beamte erfolgten aus dem nachfolgenden Entlastungszug, der jedoch ungehindert den Bremer HBF erreichte. Bengalische Feuer hat es am Bahnhof in Achim laut einhelliger Zeugenaussagen nicht gegeben, ebenso wie den Versuch über die Gleise zu rennen und einen vorbeifahrenden Zug anzuhalten.
Nach dem Ausstieg in Achim, wurden die betreffenden Fans sofort von der Polizei aufgehalten. Ein Verlassen des Bahnsteigs oder das Umsteigen in einen anderen Zug, der diese letztlich zum anvisierten Ziel befördern sollte, wurde kategorisch untersagt und durch einen Polizeikessel faktisch unmöglich gemacht.

In der Folge wurden 2 Knallkörper gezündet, was aber sofort von den eigenen Leuten via Megafon unterbunden wurde. Die festgehaltenen Fans durften den nur teilweise überdachten Bahnsteig in den kommenden 2,5 Stunden bei strömendem Regen nicht verlassen. Somit waren sie unter anderem gezwungen, ihre Notdurft vor Ort zu verrichten. Letzteres wurde ihnen offenbar sogar von den Einsatzkräften vor Ort nahegelegt.

Die Rückreise

Alles verlief friedlich, bis gegen 20:30 Uhr ein Zug einfuhr, der die Festgehaltenen zurück nach Hannover bringen sollte. Einige Fans weigerten sich diesen Zug zu besteigen und wurden mittels Anwendung des unmittelbaren Zwangs von Seiten der Beamten dazu “motiviert”. Dabei hat es laut Augenzeugenbericht mindestens einen Verletzten Fan gegeben. Diese Tatsache bleibt bisher zumindest in der HAZ unerwähnt, obwohl sie doch maßgeblich zur allgemeinen Betrachtung des Geschehens beitragen könnte.

Nach dem Eintreffen in Hannover gegen 22:00 Uhr wurden sämtliche 434 Personen Erkennungsdienstlich behandelt, ohne dafür eine Grundlage genannt zu bekommen. Einheitlich wird außerdem berichtet, dass der Zug schon bei seinem Eintreffen in Achim stark verschmutzt und beschädigt war. Um die Erkennungsdienstlichen Maßnahmen durchführen zu können, wurden die Fans in kleinen Gruppen aus dem Zug geholt. Die letzten verließen diesen gegen 02:30 Uhr. Die Eigenversorgung mit Essen und/oder Getränken war in dieser Zeit nicht möglich.

Ultrá Chaoten

Ob diese Maßnahmen rechtlich vertretbar sind, bleibt (wie bereits erwähnt) abzuwarten. Die Entscheidung obliegt den Gerichten der Bundesrepublik. Bis zu diesem Zeitpunkt ist es nicht förderlich einseitige Halbwahrheiten und Spekulationen zu verbreiten die nur einer Sache dienen, nämlich der Spaltung der Fanszene. Insbesondere ist hier die Verwendung der Bezeichnung „Ultras“ als Synonym für gewalttätige Chaoten und Straftäter zu bemängeln. Nicht nur, weil es sich in diesem speziellen Fall um eine heterogene Masse aus verschiedenen Fanlagern gehandelt hat, sondern vor allem auch, weil diese Darstellung keinesfalls der Realität entspricht. Zwar mag es unter den organisierten Verbänden der Ultras einige grundsätzlich gewaltbereite Individuen geben – die finden sich jedoch ebenso in jeder anderen größeren Gruppierung von Männern (oder teilweise auch Frauen) jeglichen Alters. Insbesondere in einem emotionalen und alkoholisierten Rahmen, wie es bei Fußballspielen häufig der Fall ist.

Was ist ein “Ultrá”?

Ein Ultra-Fan definiert sich per se nicht (wie offenbar inzwischen allgemein angenommen) durch seine Gewaltbereitschaft und den Willen größtmögliches Chaos zu stiften, sondern durch die Ambition die Unterstützung der geliebten Mannschaft möglichst bunt, kreativ und lautstark zu gestalten. Über die dazu einzusetzenden Mittel (Beispiel: Pyrotechnik) herrscht selbst innerhalb der Szene Uneinigkeit. Die Ultras im Allgemeinen als gewaltverherrlichende Pyromanen zu betrachten ist daher ein realitätsfernes Zerrbild, das durch undifferenzierte und teilweise unqualifizierte Berichterstattung in den Medien entstanden ist. Gut erkennbar ist dies an der Haltung mancher Leser, die hier über das Forum öffentlich gemacht wurde. Diese Umstände führen aktuell zu einer bedenklichen Spaltung der hannoverschen Fan-Szene und ist daher in vollem Umfang zu kritisieren. Stadien ohne aktive, organisierte Fans will (bis auf wenige Ausnahmen) niemand, der sich ernsthaft für Fußball interessiert und regelmäßig Spiele besucht.

Liebe Medienschaffende,

ich würde mir wünschen, dass die Medien in Zukunft einen bedachteren Umgang mit derlei Vorgängen pflegen, sich auf ihren eigenen Kodex besinnen und differenzierter berichten. Um ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich einen sachlichen und objektiven Diskurs zu ermöglichen. Sollten Sie, liebe Madsack Vertreter, an einer objektiven und sachlichen Aufarbeitung der Umstände interessiert sein, in der alle Seiten eine Stimme erhalten, so stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung um diese mitzugestalten.

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